Promised Land

Meine Tochter hat jetzt ihr erstes Lieblingslied. Und just diese Woche ist sie genau so lange „auf der Welt“ wie sie „im Bauch“ gewesen ist. Nach den Schwangerschaftswochen kommen nämlich – so wollen es die gängigen Zählweisen – die Wochen, seit denen das Baby auf der Welt ist. Eigentlich ganz schöner Unsinn, diese Unterscheidung (Welt vs. Bauch). Leider habe ich hier nicht die Zeit, über diese merkwürdige Zäsur nachzudenken, die uns durch solche Rechen- und Redeweise immer wieder nahegelegt wird.  Aber kann es vielleicht sein, dass in dieser merkwürdigen Spaltung ein patriarchaler Splitter sitzt, den wir noch nicht losgeworden sind? Kann es sein, dass wir das Auf-der-Welt-Sein des Neugeborenen nur darum „postnatal“ verorten, weil das der männlichen Perspektive aufs Kind am ehesten entspricht? Und wie kann es nur sein, dass die allermeisten Menschen, die ein Kind zur Welt gebracht haben, wirklich verunklaren wollen, dass das Kind schon vor der Geburt auf der Welt war? Aber zu solchen Fragen ist jetzt keine Zeit.

Das Lieblingslied meiner eigentlich schon 18 Monate alten Tochter habe ich ihr vielleicht, so ein bisschen, angedichtet, aber sie geht jedenfalls wirklich strahlend von ganzem Herzen drauf ab, wenn Chuck Berry wieder singt: „Los Angeles, give me Norfolk, Virginia, Tidewater 4-1009! Tell the folks back home this is the promised land callin‘ and the poor boy’s on the line.“

Und ihr Strahlen erinnert mich an ein Versprechen, das ich nicht nur mir, sondern auch meiner Tochter gegeben habe: dass sie viele Väter und Mütter haben wird, viele Brüder und Schwestern. Und gewiss: leibliche Väter und Mütter, Brüder und Schwestern, aus Fleisch und Blut, zum Anfassen, Spielen, Feiern und Ins-Bett-gebracht-Werden. Sage mir nur keiner, diese Leiblichkeit lasse sich auf die biologische Gezeugtheit reduzieren. Jedes Kind kann viele leibliche Väter und Mütter haben, viele Brüder und Schwestern. Wir dürfen nur Leiblichkeit nicht mit etwas anderem verwechseln, das aus Sicht des Kindes eigentlich ziemlich belanglos ist.

Aber warum verwechseln wir das die ganze Zeit? Warum meinen wir mit Elternschaft zwei ganz bestimmte Menschen in Relation zu „ihrem“ Kind? Worüber ich also heute schreiben will, wenn ich von den leiblichen Eltern reden will, ist die Kleinfamilie und ihre unbedachte Alternative. Bei diesem Versuch bin ich in verlegener Position und leide unter Wortfindungsstörungen. Denn natürlich kann man einen inklusiveren Familienbegriff prägen und leben. Ich meine mit „Kleinfamilie“ jedenfalls vorerst eben diese beschworene Konstellation von Vater, Mutter, Kind, die durch biologisches Mandat gestiftet sein soll.

Es ist ein Mandat, das wir vor langer Zeit erteilt haben – und bis heute vielfach noch für alternativlos halten, obwohl uns durchaus bewusst ist, dass es andere Bedingungen gibt, unter denen Kinder früher oder auch heute noch groß werden konnten und können. Vor inzwischen schon geraumer Zeit hat man sich an diesem Mandat und dem ganzen kleinfamiliären Zusammenhang abgearbeitet, hat es voreilig „bürgerlich“ geschimpft und sich offenbar für proletarisch gehalten. Seit diesen Zeiten (sagen wir, den späten 60ern) ist allerding viel Wasser den Rhein runtergeflossen und die heutige Kleinfamilie ist nicht mehr mit der damaligen zu vergleichen. Sie ist buntscheckiger geworden, homosexueller, geflickter und gebrochener, zerfaserter und – dies Wort sei mir verziehen – kinderärmer.

Woran kann ich erkennen, dass ich in einer Kleinfamilie lebe? Sagen wir mal: daran, dass mein Kind normalerweise nur von ein, vielleicht zwei Personen ins Bett und durch die dunkle Nacht gebracht werden kann. Nirgends ist die Kleinfamilie noch intakter denn in der Nacht. Alternativlos ist das natürlich nicht, aber eben die Regel.

Die Kleinfamilie ist heute, mehr denn je, angewiesen auf ein fein gesponnenes Netz von Strukturen: Von der Kita bis zum Schulabschluss installierte der Staat ein zunehmend lückenloses, flächendeckendes Betreuungssystem. Auf den ersten Blick dient dieses System dem Erhalt, ja überhaupt der Ermöglichung jener real existierenden Kleinfamilie. Auf den zweiten Blick dient dieses System der Verwirklichung feministischer Anliegen, denn es sind ja in erster Linie die Eltern weiblichen Geschlechts, welche durch dieses System emanzipiert werden. Wozu emanzipiert? Nun, um an der weiterhin patriarchal geprägten Arbeitswelt teilhaben zu können. Über die Fallstricke und nach wie vor bestehenden Ungerechtigkeiten weiß heute jede*r ungefähr Bescheid, der Bescheid wissen will. Mir geht es darum, noch einen dritten Blick zu riskieren: Dieses Betreuungskontinuum, das wir gerne den Franzoes*innen und den Skandinavier*innen abgeschaut zu haben behaupten, ermöglicht nicht nur die Kleinfamilie und die neue Rolle der Frau in der Kleinfamilie, sondern es ermöglicht also auch eine neue Rolle der Frau in der Arbeitswelt und so verkoppelt also und verdoppelt dieses Betreuungskontinuum die angestrebte Harmonie aus den beiden Häusern unserer Zivilisation: dem großen Haus der Wirtschaft und dem kleinen Haus der Familie. (Der Metaphorik ist es nicht so wichtig, ob das Haus nur eine Wohnung ist, vielleicht teuer gemietet, vielleicht kaum bezahlbar.)

Diese Harmonisierung dient der Stabilisierung, Ermöglichung, vielleicht gar der Rettung der Kleinfamilie. Ich frage mich indes, was hier noch zu retten ist. Und etwas sollte unbedingt gerettet werden: die Leute, die in diesen Kleinfamilien (und ihren daran angeschlossene Berufen) hausen, mal schlecht, mal recht. (Manche würden gar sagen, die Kleinfamilien seien bereits an die Berufe angeschlossen, aber so weit sind wir vielleicht noch nicht.)

Ist dieser Anschluss von Familie und Beruf aber wirklich alternativlos? Warum betreibt der Staat so viel Aufwand, um diesen Anschluss herzustellen? Und ist es eigentlich im Interesse der Kinder, der Mütter und Väter, dass diese Anschlüsse gut, besser, am besten funktionieren?

Es bedarf keiner tieferen Rhetorikkenntnisse, um zu erahnen, zu welcher Antwort ich tendiere. Darum will ich gleich weiterfragen, denn darauf kommt es für mich letztlich an: Wissen will ich, wie ich vermeiden kann, angeschlossen zu werden, wie ich vermeiden kann, dass meine Tochter angeschlossen wird, und meine Freundin, und die anderen Kinder, Mütter und Väter, deren Schicksal mich bewegt.

An den Anfang einer Alternative wäre wohl die Wahlverwandtschaft zu setzen, also ein Nest, in welchem Kinder nicht nur versorgt sind, sondern anvertraut sind, wo also all jene, die für sie sorgen, ihnen etwas beibringen, mit ihnen spielen, sie frei machen und gerecht, mit ihnen wahlverwandt sind. Solch ein Anvertrauen ist durchaus mit der Idee von Kita, vielleicht sogar mit Schule zu vereinbaren, allerdings müssten Kita und Schule dann Horte wahlverwandter Vertrautheit sein und nicht etwa Pfade in die sozial, kulturell und pekuniär gescherte Gesellschaft, aus der die Eltern und Nicht-Eltern von morgen hervorgehen.

Das Leben von Kindern bei und mit wahlverwandten Eltern, also vielen Müttern und Vätern, scheint heute unvorstellbar. Dabei scheint es mir die einzige Alternative zur (tendentiell patriarchalen) Kleinfamilie oder einer (tendentiell vielleicht eher matriarchalen) Großfamilie. Ich will also die Wahlverwandtschaft als letzte Zuflucht für die Idee der „Familie“ verstanden wissen, und dabei eine Idee von „Familie“, die sich nicht am Vater, auch nicht an der Mutter, sondern wirklich am Kind orientiert.

Wie können wir so ein wahlverwandtschaftliches Aufziehen von Kindern schon heute ermöglichen und zwar so, dass es auch dem kindlichen Bedürfnis nach Verlässlichkeit und Vertrautheit entspricht? Fraglos, Kinder brauchen Eltern, aber eben nicht 1,3 Eltern, sondern eher 7. Und diese (sagen wir im folgenden der Einfachheit) sieben Eltern müssen sich wirklich als Eltern verstehen. Noch ein Versuch der Begriffsklärung: Eltern, das sind diejenigen, die sich unbedingt verantwortlich fühlen. Ich wüsste nicht, warum Kinder mit dieser unbedingten Liebe von lediglich einer oder zwei Personen aufwachsen sollten. Ich glaube, nicht nur Kinder brauchen sieben Eltern, sondern jedes Elternteil braucht auch sechs Mit-Eltern. Wer meint, dass ein Elternteil, das nur ein Siebtel der Woche wirklich präsent ist, nicht als Elternteil gezählt werden kann, der sollte sich nochmal über die real existierende Vaterschaft Gedanken machen. Setzen wir gar als Maßstab für den Elternteil den vielfach weitgehend abwesenden Vater, setzen wir den Vater als legitimes Elternteil, das sich statistisch betrachtet nur ca. 37 Minuten am Tag mit seinem Kind beschäftigt, dann braucht ein Kind in den ca. 10.000 Minuten, aus denen eine Woche besteht, sogar ca. 39 Eltern. Das ist noch nicht ganz das sprichwörtliche Dorf, das man braucht, um ein Kind großzuziehen, aber immerhin schon eine ganze Vätersippe, bei der das Kind tatsächlich verunsichert werden könnte. Wer war jetzt nochmal für die nächsten 37 Minuten vorgesehen? Entweder wir gestehen den Kindern also eine ganze Sippe von Vateräquivalenten zu oder wir speisen es weiterhin mit den 1,3 Eltern ab, auf die es sich heutezutage so etwa verlassen kann. Mir scheint klar, dass beide Alternativen sich als groteske Varianten von etwas darstellen, dem Maß und Mitte verloren gegangen ist. Ich sage also: Ein Kind braucht weder unüberschaubre 39 Elternteile noch erdrückende und auch selbt überforderte 1,3 Eltern.

Dass die beiden (sog. biologischen) Elternteile niemals auch nur als zwei vollwertige Eltern gelten können, ergibt sich aus der einfachen Tatsache, dass die Kleinfamilie ihr Geld durch Arbeit beziehen muss. Gearbeitet wird aber meist in Abwesenheit vom Kind. Und so kommt es eben zu dem bereits erwähnten, nahezu lückenlos gemachten Betreuungssystem, in dem Kinder in Deutschland heute normalerweise aufwachsen, und das sie in erster Linie für die Nachtstunden verlassen – wo eben dann in der Regel nur eine oder zwei Personen warten, um das Kind durch diese dunkle Nacht zu bringen.

Das gelobte, das versprochene Land für meine Tochter gibt es also nicht. Stattdessen lebt sie in einer, von verschiedenen, meist blutsverwandtschaftlichen Seiten unterstützten Kleinfamilie, hat also immerhin Großeltern, Onkel und Tanten. Das ist besser als nichts. Aber versprochen habe ich ihr etwas anderes.

Vom Kind her zu denken ist also die wahlverwandtschaftliche Familie. Aus meiner Sicht ist die Familie der Hort der Liebe für das Kind. Neben dieser so verstandenen Familie gibt es aber noch einen anderen Kosmos, der im Modell der Kleinfamilie als deckungsgleich gedacht wird: die amouröse Beziehung. Im Modell der Kleinfamilie kommt es zufällig zu einer Gleichsetzung von liebender Elternschaft und der amourösen Beziehung zwischen den Eltern. Wir halten diese Gleichsetzung, trotz Patchwork-Familien und anderen Neuerungen, für relativ selbstverständlich, zumindest noch für den seltener werdenden Normalfall. Mir scheint nichts abwegiger.

Wie so manch andere kategoriale Verwechslung findet sich auch bei dieser Verwechslung, die nur selten als Komödie aufgeführt wird, ein mythologischer Kern. Dieser mythologische Kern scheint römischen Ursprungs, aber genuin moderner Prägung. So bezeichnen wir etwa die Liebe zum Kind und die Liebe zwischen Erwachsenen mit dem gleichen Hauptwort „Liebe“. Diese Vieldeutigkeit der Liebe hat manche Berechtigung, aber sie hat bei der Begründung der Kleinfamilie als Amalgam aus Kinderaufzucht und erotisch-sexueller Partnerschaft ihre fragwürdigen Dienste geleistet.

Bei Lichte betrachtet ist es eine dumme Idee, die Liebe zum Kind mit der Liebe zwischen den biologischen Eltern zu verkoppeln. Vielmehr sollte sich bei jeder Schwangerschaft ein Elternkreis finden, der seine Gemeinschaft auf das kommende Kind begründet. Amouröse Beziehungen innerhalb eines solchen Elternkreis sollten wir weder problematisch noch notwendig finden, sie mögen existieren, kommen und gehen, aber von ihnen sollte nicht die Bildung und Fortsetzung eines Elternkreises abhängen. Doch genau dies scheint die Idee der Kleinfamilie zu sein: Zu wenige Menschen, die sich amourös und erotisch gewogen sind, übernehmen die bedingungslose Verantwortung für ein neues Leben und versuchen dann, dieser Verantwortung für einige Jahrzehnte ihres Lebens gerecht zu werden.

Ein überaus naheliegender Einwand scheint zu sein: Kinder werden von ihren Eltern gezeugt. Doch dieser Einwand ist in seiner ganzen Unrechtmäßigkeit eigentlich längst korrumpiert, denn er zementiert die Kopplung des kulturellen an das biologische Geschlecht, er zementiert die heterosexuelle Norm und er schließt homosexuelle Partnerschaften letztlich aus oder drängt sie wengistens an den Rand. Darum müssen wir uns in aller Deutlichkeit vor Augen führen, dass die Zeugung eines Kindes ein jahrelanger Prozess ist und dass es für diesen jahrelangen Prozess der Zeugung eines Kindes nicht nur eines Spermiums und einer Eizelle bedarf.

Für das heranwachsende Kind ist die biologische Elternschaft nur dann Faktum von größter Relevanz, wenn es in einer Welt aufwächst, in der die biologische Elternschaft als kulturelle Norm gleich für die ganze Elternschaft mitverankert wird. Adoptierte Kinder leiden darum bisweilen entsetzlich, aber wir sollten daraus nicht den falschen Schluss ziehen, sie wüchsen bei Ersatz-Eltern auf. Denn: ein Kind hat viele Mütter und Väter – und ich halte es durchaus für legitim, dass zu diesen Müttern und Vätern auch jene zwei Menschen gezählt werden, mit deren Spermium und Eizelle die Zeugung dieses Kindes begonnen hat. Aber es ist nicht notwendig, wie ja gerade die (auch für die Kinder) prekäre Situation alleinerziehender Mütter zeigt. Wenn wir aber als Gesellschaft die Abwesenheit des biologischen Vaters im Millionenmaßstab verkraften können, warum dann nicht die Abwesenheit der biologischen Mutter?

Das Problem ist nicht die Verfügbarkeit der sog. biologischen Eltern, sondern die pathologische Vernachlässigung von Kindern in beinahe allen Familienformen.

Ein zweiter prächtiger Einwand gegen den wahlverwandtschaftlichen Elternkreis ist dessen Fragilität. Wie sollen schließlich sieben Eltern ein Kind großziehen, ohne sich in endlose ideologische Schlachten über die richtige Erziehung zu begeben, ohne in einem organisatorischen und logistischen Chaos zu landen, unter dem erneut das Kind zu leiden hätte? Mir scheint hingegen, eine Struktur aus sieben verantwortlichen Eltern sei krisenfester als eine Struktur aus 1,3 Eltern. Es kommt alles darauf an, dass wir diesen Elternkreis so verstehen wie er gemeint ist: als Kreis aus Eltern, die sich unbedingt für das Kind verantwortlich fühlen.

Ein weiterer, filigraner Einwand ist ebenfalls mathematischer Natur: Geraten wir nicht in ein heilloses Durcheinander, wenn wir für jedes Kind einen Elternkreis bilden? Wie vielen Elternkreisen darf man denn beitreten? Und wer soll da noch den Überblick behalten? Mir ist bei der Elternfreudigkeit heutiger Deutschländer*innen nicht bange, dass die Eltern sich zu viele Elternkreise aufbürden werden. Einem Menschen, der Elternteil werden möchte, ist die Verantwortlichkeit zuzutrauen, sich über die Konsequenzen seiner Elternschaft Gedanken zu machen. Umgekehrt scheint mir aber, dass der 37-Minuten-Vater, mit dessen weiter Verbreitung in deutschen Landen wir immer noch eine recht auskömmliche Volks- und Kleinfamilienwirtschaft bestreiten, durchaus noch einmal daraufhin befragt werden dürfte, ob er sich seiner Entscheidung eigentlich so bewusst gewesen sei – oder ob er gar voreilig in etwas hineingeraten sei, aus dem er sich nun – so will es der Anschein – nicht mehr ohne weiteres flüchten könne.

Da kommt mir schon ein feministisch angehauchter Einwand zugeflogen: Werden diese tollen Elternkreise nicht nur aus Müttern bestehen? Macht es das den falschen und den echten Vätern nicht noch leichter, sich aus der Verantwortung zu stehlen? Da gebe ich zu Protokoll: Biologische Väter stehlen sich in horrenden Zahlen aus der Verantwortung, kein Geld der Welt kann es jemals wettmachen. Wahlverwandte Väter aber wissen weit eher, was sie wollen. Und jedem biologischen Vater steht es frei, Elternteil zu werden, ja, ich möchte sogar dem biologischen Vater wie der biologischen Mutter vorerst noch ein Vorrecht zugestehen. Bitte aber darum, es sich gut zu überlegen. Denn, so glaube ich doch, es fänden sich auch 3 oder gar 4 weitere Väter, die gerne an ihre Stelle träten. Woher nehme ich aber diese Zuversicht? Weil ich an die Liebe der Männer zu den Kindern glaube, nicht aber an die Liebe bestimmter biologischer Väter. Erleichternd scheint mir hinzuzukommen, dass Entscheidungen über die biologische Zeugung von Kindern in einer Welt, die diese Kinder in Elternkreisen aufnimmt, einem ganz neuen Kosmos der Vorentscheidungen unterliegen wird. (Über diesen vieldeutigen Satz will ich an anderer Stelle genauere Rechenschaft angeben. Hier sei nur angedeutet, dass die maßgeblich von Charles Darwin entdeckte sexuelle Selektion und ihre spieltheoretischen Neuerungen vielleicht ein bisschen komplex-spektakulärer werden, wenn wir Elternschaft als Kulturleistung anerkennen.)

Wird aber, lautet ein anarchistischer Einwand, solch ein Bund von Elternkreisen nicht auf einen um so stärkeren Staat angewiesen sein müssen? Nichts läge mir ferner, antworte ich hierauf freimütig. Vielmehr glaube ich an eine enorme Stärkung des gemeinwohlorientierten Zusammenlebens in einer Welt, in welcher Kinder in Elternkreisen gezeugt und erwachsen werden. Und solch ein gemeinwohlorientiertes Zusammenleben wird – sooner or later – die heutigen Betreuungssysteme ergänzen und vielfach sogar ersetzen können.

Hier kommt nun ein ein politischer Einwand hinzu: Schütten wir nicht aber die Kinder mit dem Bade aus, wenn wir den Staat sich aus Erziehung und Bildung zurückziehen lassen sollten? Worauf ich antworte: Niemand soll das Kind mit dem Bade ausschütten! Wir müssen einer solchen geringfügigen Veränderung in unserem Verständnis von Familie und Elternschaft ein bisschen Zeit geben, sagen wir – bescheidenerweise orientieren wir uns an früheren Umwälzungen im Verständnis von Familie und Elternschaft – einige Jahrhunderte. Ein Bad aber, das über Jahrhunderte hin ausgeschüttet wird, will ich meinen, ist mit einem Wasserhahn zu vergleichen, aus dem alle paar Jahre ein Tropfen Wasser tropft. So eine Dichtung aber müsste wohl erst noch erfunden werden. Um das Kind mit dem Bade wäre also keine Sorgen zu machen, wenn man nur die unüberschaubaren Zeiträume zur Kenntnis nimmt, mit denen solch ein Verständnis sich in Kultur und Politik verankert. Möglicherweise wird es also manchem Kritiker sogar wie ein lähmend langsamer Prozess vorkommen, was im ersten Augenblick all zu revolutionär erscheinen mag.

Spitzfindig lässt sich nachhaken, was dann hier und heute, in unserer Generation junger Eltern von diesen weitläufigen Ideen schon verwirklicht werden könnte. Hierauf bin ich vorerst bescheiden, also ohne allgemeinen Ratschlag. Für den Anfang würde es mir reichen, wenn sich für meine Tochter ein solcher Elternkreis bilden ließe. Solange dies nicht gelingt, steht alles andere ja doch nur in den Sternen: „Tell the folks back home this is the promised land callin‘ and the poor boy’s on the line.“

Niemand soll sagen, Chuck Berry hätte nicht ironische Spitzen in sein gelobtes Land hineingetüftelt. Um so besser! Hamwa noch einen sympathischen Grund, uns auf die Stoppersocken zu machen …

 

 

Literatur zum Quer- und Weiterlesen

  • „In Deutschland herrscht familienpolitisches Chaos“ (Tagesspiegel, Essay von Jenna Behrends) [Link] (27.02.2019)
  • „Der Preis, ein Stay-at-Home-Dad zu sein“ (ZEIT-Beitrag von Johannes Schneider) [Link] (26.05.2018)
  • „Kritik der Kleinfamilie“ (Spiegel-Beitrag von Georg Diez) [Link] ()
  • „Das Ende der Kleinfamilie“ (SZ-Interview mit Mariam Irene Tazi-Preve) [Link] (25.10.2017)
  • „Vater, Mutter, Mutter, Kind“ (DLF-Beitrag von Tini von Poser) [Link] (06.08.2018)

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