Soll ich das Arbeit nennen?

Wie selten die Zeiten geworden sind, in denen mich aus dem Lesen heraus eine Idee anspringt und zum Ausbuchstabieren auffordert, wie selten, dass ich diesem Ruf blindlings folge und mich schon mitten im Getümmel des Schreibens wiederfinde.

Neulich, es muss in der Nacht, vielleicht im Halbschlaf, gewesen sein, da ging mir die titelgebende Frage auf: Soll ich das Arbeit nennen?

Was ist das? Ein halbes Jahr ist meine Tochter alt und meine Freundin und ich, wir teilen uns das Ganze. Fair? Vielleicht nicht 50:50, eher 60:40. Sie auf Elternzeit, ich – dank Hartz-IV-Stipendium – in einer Beinahe-Elternzeit (mit gelegentlichen Arbeitseinsätzen).

Die Rede von der „Arbeit“, die ein Kind „macht“, hat schon mit solchen Verteilungsfragen längst angefangen. Und schon zuvor ist die ganze Welt des Privaten, die Tätigkeiten im Haus, die Arbeit in und für die Familie das Ergebnis einer Abspaltung von der anderen, ebenso ganzen Welt des Öffentlichen, der Arbeit an einem wesentlich metaphorischer zu verstehenden Haus (dem Haus der Gesellschaft, dem Haus der Wirtschaft, dem Haus der Umwelt). Und diese – lange Zeit vollständig, bis heute mehrheitlich – entlang der Geschlechterdichotomie verlaufende Arbeitsteilung, diese Ur-Spaltung von Arbeit und Familie, von Außen und Innen, hat zu zwei Seiten des tiefen Grabens Tätigkeiten geschaffen.

Jene Tätigkeiten, die in einem imaginären Außen stattfinden, sind Zu-Arbeiten (Arbeiten für andere) und werden meist bezahlt. Die Tätigkeiten, die im imaginären Innen stattfinden, werden mehr und mehr auch als Arbeiten verstanden, nicht für andere, sondern für nächste, oft für Kinder, oder für alte Menschen, und eben auch für diejenigen, die abwesend sind (auf Arbeit). Glaubt man dieser Verdopplung des Arbeitsbegriffs, dann wird also auf beiden Seiten des Grabens gearbeitet.

Manche wirken daraufhin, diesen Graben zuzuschütten – und gerade die Verdopplung des Arbeitsbegriffs ist ein Beitrag zu diesem Unternehmen. Zugeschüttet werden soll dieser Graben auch dadurch, dass die Welt des imaginären Außen sich zögerlich öffnet für die Notwendigkeiten des imaginären Innen: durch die Kita am Arbeitsplatz, durch familienfreundlichere Unternehmenspolitik, durch Elternzeiten, bessere Rückkehrrechte für Mütter uvm. Das alles geht kaum weit genug, fast niemanden. Und auf den ersten Blick kann man diesen Prozess nur beschleunigen wollen. Doch mir kommen Zweifel, Zweifel daran, wie und von welcher Seite aus dieser Graben zugeschüttet werden soll. Die Welt des imaginären Innern (nennen wir sie „Innenwelt“) war immer schon auf die Außenwelt ausgerichtet und bezogen, die Innenwelt diente immer schon der Außenwelt. Immer schon – das heißt, seit diese Spaltung existierte.

Der Aufstand, eine seit Jahrzehnten mehr oder minder tobende Revolte, nicht nur ein Kind des Feminismus (auch des Anarchismus, des Sozialismus und Kommunismus), nicht nur das Kind revoltierender Frauen, dieser Aufstand wendet sich gegen die Bezogenheit der Innenwelt auf die Außenwelt. Jedoch nur zögerlich. Ein Großteil der Energien jener multiplen Revolte fließt jedenfalls anderswohin. Ich meine, ein Großteil fließt überhaupt nicht gegen diese Spaltung, sondern dahin, dass diese Spaltung von der geschlechtlichen Konnotation befreit wird. Das ist ein emanzipatorischer Kampf und er scheint – in einigen Teilen, an manchen Orten der Welt – erfolgreich, mäßig erfolgreich.

Die größten Erfolge hat dieser Kampf wohl darin erreicht, dass Frauen Zugang zur Außenwelt erlangt haben. Manche kleinen Erfolge bestehen darin, dass Männer Zugang zur Innenwelt erreicht haben. Von der Agenda verschwunden, dort vielleicht nie offiziell verzeichnet, war die Auflösung der Spaltung von Außen- und Innenwelt selbst. Und der Wunsch nach Erfolgen macht es sogar noch schwerer, diesen zweiten Kampf, diese zweite und nicht minder wichtige emanzipatorische Etappe überhaupt anzutreten. Wenn doch wenigstens die gläsernen Decken der Außenwelt eingestürzt wären, wenn doch Mütter endlich gleiche Chancen und Rechte in der Außenwelt hätten!

Und dann wäre es gewiss schön, wenn Männer gleichen Zugang, vor allem aber gleiches Interesse an Teilhabe in der Innenwelt hätten! Doch schon hier wird ein Gefälle, eine Erschwernis deutlich, die der tiefer liegenden Spaltung zu entspringen scheint. Ein Großteil der Energien geht dahin, die Außenwelt zu egalisieren, gerechter und gleicher zu machen. Das Streben richtet sich auf die Umgestaltung, Ausgestaltung und Neugestaltung einer geschlechtergerechten Arbeits-Außen-Welt.

Und gewiss, ein kleinerer Teil der Energien richtet sich darauf, auch diese Innenwelt egalitärer und fairer zu machen. In dieser Innenwelt, in der die Egalität oft herbeigewünscht, nicht unbedingt gemeinsam erstritten wird, oft eingebildet bleibt, selten verwirklicht, meist Sachzwängen gemäß ungleich bleibt, oft vermeintlichen Sachzwängen, aber real gewordenen Sachzwängen, meist eher auch Geldzwängen gemäß ungleich bleibt, hinter denen nicht unbedingt Sachzwänge stehen, in dieser Innenwelt findet der andere, der unsichtbarere Teil des emanzipatorischen Kampfes statt, und genau hier, in diesem eher schattigen Ort, dem für politischen Kampf eher widrigen Ort, stehe ich, ungern als Kämpfer, lieber als Staunender, Zweifelnder, Fragender, und fühle mich seltsam arretiert, eigentümlich unentschlossen bzgl. einer Frage, die seitens vieler bereits beantwortet zu sein scheint, abgehakt, erledigt: der Frage, ob ich dieses Handeln in der Innenwelt Arbeit nennen soll.

Soll ich es Arbeit nennen, das Öffnen der Windel, das Reinigen der kleinen Hautfalten, das Drehen und Wenden des zappligen Körpers und das Verschließen der neuen Windel, wo ich doch mit meiner Tochter scherze, mit ihr ringe, ihren kleinen, zappligen, schon so robusten Körper fordere, aus dem Windelwechseln einen kleinen Ort des Daliegens, Befühltwerdens mache, einen Ort, an dem sie sich an meinen Haaren festkrallen, sich in mein Gesicht drücken und in meine Nase beißen kann und so eigentümlich röhren, glucksen, sabbern und mich liebkosen kann, mit ihrer groben und schon feinfühligen Körperlichkeit? Soll ich das Arbeit nennen?

Und soll ich es Arbeit nennen, wenn ich sie aus einer Kleiderschicht herausziehen, -schälen und -zurren zu müssen meine, in eine andere, der Jahreszeit angemessene Schicht von Stoffen hineinpelle, während sie keine Lust darauf hat, überhaupt keine Lust, und sich beklagt und strampelt und zornig schreit, und ich das so gut nachvollziehen kann? Soll ich das Arbeit nennen?

Und soll ich das Arbeit nennen, wenn sie mich mit ihrer Unzufriedenheit bis zur Entnervtheit, bis zur Abneigung und glühnden Wut treibt und ich ihr zornig in das zu einem einzigen Ausdruck von bebender Wut verwandelte Gesicht puste, in dem unguten Wissen, dass ich mich schon jenseits der Grenzen zärtlicher Vaterschaft befinde? Soll ich das Arbeit nennen?

Und soll ich das Arbeit nennen, wenn sie mich mit ihrer glucksenden Laune aufmuntert und ich so vollkommen aufgehen kann in Momenten ihrer überschießenden, zu jedem Wankelmut bereiteten Glückseligkeit, Selbstvergessenheit? Soll ich das Arbeit nennen?

Soll ich diese intensive Begegnung, dieses monatelange Kennenlernen, dieses unabschließbare Hineinwachsen in die Verantwortung für sie, dieses (irgendwann, schon heute) einsetzende Herauswachsen aus der Verantwortung für sie, soll ich diese Innenwelt, in der wir uns miteinander langeweilen, auf die Nerven gehen, gegenseitig verzwecken und bemitteln, in der wir einander die Ohren vollschreien und kneifen, einander an den Haaren ziehen und absabbern, soll ich diese zugleich heiligste und profanste Sphäre des Miteinanders, diese Sphäre der Ungleichheit, der nie aufgehobenen, nie einlösbaren Ungleichheit, und der dann doch so gemeinsamen, geteilten Abhängigkeit, soll ich diese wachsende Beziehung Arbeit nennen?

Soll ich diese neue Art von Müdigkeit, dieses neue Bedürfnis nach Ruhephasen und Mittagsschläfen, soll ich diese Momente der Anstrengung und der Belohnung, diese Momente der Überforderung und Auflösung im andern, soll ich dies Arbeit nennen?

Es gibt gute Gründe, all dies Arbeit zu nennen. Es hat viel damit zu tun, wo und wie wir Gleichheit in der Außen- und der Innenwelt erkämpfen wollen, es hat aber auch mit dem existierenden Gefälle an Aufmerksamkeit und Relevanz zu tun, mit diesem Abfall vermeintlicher Relevanz von der Außen- zur Innenwelt. Und mit dem Wunsch, diesem Gefälle etwas entgegenzusetzen, das heute oft noch unter dem Diktat der sog. Aufwertung steht, der Aufwertung von Tätigkeiten, von Lebensentwürfen und – immer noch – der Aufwertung von Geschlechtern. Und im Kampf um diese Aufwertung, dieser Angleichung scheint es ein ungemein geeigneter Schritt zu sein, dass wir alles oder vieles von dem, was in der Innenwelt passiert, in der Fürsorge für die Kleinsten, die Schwächsten, in der Pflege der Hilfsbedürftigen, Arbeit nennen wollen oder Arbeit nennen sollen.

Aber welche Implikationen kaufe ich ein, wenn ich all dies nun oder vieles davon Arbeit nenne? Arbeite ich also, bin ich nun angestellt, bei meinem eigenen Kind, in meiner eigenen „Familie“, beim Staat gar, oder der Gesellschaft, oder gemäß einem Grundgesetz oder gemäß einem nie unterzeichneten Generationenvertrag? Und soll ich mir all den ungezahlten Lohn ausrechnen? Und was macht das mit mir und uns, wenn ich die Zeit mit meiner Tochter unter Maßgaben der Arbeit bewerte? Verwandeln sich die Anstrengungen dann in Dienstleistungen? Und die Glücksmomente in Lohntüten? Und wertet das mein Hartz-IV-Dasein etwa auf? Oder macht es mich zu einem halben Hausarbeitsmann? Oder gleicht es etwa aus, dass ich kein Geld für Tätigkeiten bekomme, die ich gerne tue, diesseits und jenseits der Zeit, die ich mit meiner Tochter verbringe? Und wird die gemeinsame Verantwortung und Fürsorge, die ich mit meiner Freundin teile, dadurch gerechter? Und werden wir transparenter im Umgang miteinander, wenn ich all dies Arbeit nenne?

Ich wünschte, ich könnte diese Fragen alle ganz glatt mit NEIN beantworten. Aber ich weiß nicht, wie ich anders dem emanzipatorischen Anliegen gerecht werde, und der Aussicht auf eine Welt, in der das Außen und das Innen nicht derart voneinander abfallen, der Aussicht auf eine Welt, in der sich das Außen und das Innen nicht mehr derart abstoßen und widersprechen. Und ich wünschte, ich könnte diese Fragen alle ganz glatt mit JA beantworten. Weil ich dann wüsste, wie ich all mein Tun und mein Nicht-Tun verorten müsste. Doch es fühlt sich nicht nur falsch an, ich habe gute Gründe, aus all dem nicht so etwas wie „Arbeit“ zu machen, ob nun Reproduktions- oder Sozial- oder Beziehungs- oder Familien- oder Hausarbeit. Denn zuletzt ist es doch das Diktat der Außenwelt, dem ich zustimmen müsste, diesen Arbeitsbegriff in die Innenwelt hineinflößen zu lassen, diesen Arbeitsbegriff in meine Verhältnisse, Beziehungen, Entscheidungen hineinkriechen zu lassen.

Und so bleibt mir nur, mich diesem Arbeitsbegriff zu verschließen und mich auf die Suche zu begeben nach einer Sprache für die Mühen und Nöten, die Fragen der Aufgabenteilung und so vieles mehr, auf die Suche also nach einer Sprache, die nicht nur der Innenwelt gerecht wird, sondern auch einer vom Arbeitsbegriff überformten Außenwelt. Denn wenn ich mich entscheiden müsste, ob die Außen- die Innenwelt in sich aufnehmen solle, oder die Innenwelt die Außenwelt, so scheint mir, dass die innere Welt der äußeren Welt überlegen ist, dass sie umfassender ist, dunkler, unzugänglicher, mächtiger, ganzheitlicher, offener, tiefgründiger und weiter. Und dass dieser Innenwelt mit den lichternden, zwielichtigen Kategorien der Außenwelt nur um den Preis der Lächerlichkeit, der Oberflächlichkeit und Verblendung beizukommen ist.

Und so bleibt mir nur die Einsicht jetzt, dass ich nicht weiß, wie ich all das nennen soll, was sich in dieser Innenwelt abspielt, einer Innenwelt, die ich ungern Familie nennen will, vielleicht Zuhause, vielleicht auch Vater-und-Tochter-Schaft. Und so bleibt mir nur der Wunsch, dass wir uns mehr darum bemühen, dass wir einander häufiger und ehrlicher fragen, wie wir all das nennen sollen – und wie wir das schließlich finden sollen.

Und zunächst und zuerst und vielleicht auch zuletzt finde, ja fingiere ich all dies nur vorläufig mit Namen und alle diese vorläufigen Namen haben und bekommen doch eine Dauer und eine Wirksamkeit und all diese Schrittchen im Dunkeln sind schon jetzt: Offenbarungen, in denen Ein- und Ausschlüsse lauern und lodern, darauf warten aufzubrechen und neuen Offenbarungen Raum zu verschaffen – und ich will mich hüten, all dies einen Prozess, gar ein Prozedere zu nennen.

So bleibt es zunächst und zuerst und vielleicht auch zuletzt eine eigentlich poetische Aufgabe, für mich, vielleicht auch für andere, diesen so vielfach ausgeschlossenen und vernachlässigten und unterversorgten und zugleich auf falsche Weise vergötterten Innenwelten eine neue Bleibe zu geben, für diese Innenwelten ein Zuhause zu schaffen, viele Hausungen, mit lauter Öffnungen, Brücken, Schiebetüren, Geheimgängen und Portalen – und all dies mag Teil eines Werks sein, eines Tagewerks, eines Nachtwerks ja auch, einer Vielzahl von Handgriffen, Redeversuchen und Nachdenkpausen, Teil eines letztlich poetischen Werkelns, Tüftelns und Schaffens, eines Werkelns am Leben, das ich fernhalten will von den toxischen Begleiterscheinungen der Arbeiten, auf Abstand bringen muss von jenem, ja doch: Goldenen Kalb, um das wir alle – mehr oder minder verzückt, entrückt und verrückt – tanzen, besessen davon und nicht selten betrogen.

Und auf der Suche also nach einem Zwischenfazit werde ich fortgeschwemmt, angeschwemmt, und weiß nur sehr vage, was ich hinter mir gelassen habe. Arbeit jedenfalls will ich all diese Stunden mit meiner Tochter nicht nennen, befreien will ich diese Vaterschaft-Tochterschaft von jedem Verdacht einer Arbeitstätigkeit. Und indem ich diese Form der Nicht-Arbeit, der Arbeit()losigkeit, heute und in Zukunft versuche, kritisch zu betrachten und poetisch zu gestalten, geht diese gemeinsame Befragung weiter … auf bald!

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