Foto, verweile doch!

Die beiden Kinder, die einander den ganzen Tag das Spielzeug aus den Händen gerissen und gestritten haben, halten sich plötzlich in den Armen und drücken ihre kleinen Gesichter aneinander. Eine runde, weiche Wange schmiegt sich an die andere. Was für ein entzückender Anblick, fast schon zu süß. Noch bevor ich mich richtig darüber freuen kann, greift meine rechte Hand ganz automatisch Richtung Hosentasche. Handy entsperren und die Kamera öffnen – dieser Augenblick muss festgehalten werden! Doch da ist er schon wieder vorbei. Die Kinder haben das Gleichgewicht verloren, sind hingefallen und eines weint. Nochmal, nochmal!, das ruft sonst immer meine Tochter, aber jetzt denke ich es und frage mich ernsthaft, ob ich das Ganze für ein Foto reinszenieren kann.

Woher kommt dieser fast zwanghafte Drang zum Foto? Meine Eltern haben viele Familien-Fotoalben angelegt. Sie haben die besten Fotos ausgewählt, gesammelt, chronologisch sortiert und eingeklebt. So kann ich mir heute ansehen, wie ich kurz nach der Geburt zerknautscht im Arm meiner Mutter lag, wie ich die ersten Schritte machte, wo wir im Familienurlaub 1992 waren und mit welchem Besuch wir 1994 an meinem Geburtstag im Garten saßen. Ich sehe eine jüngere Version meiner Eltern und begreife wieder einmal von Neuem, dass auch sie in meiner Kindheit nicht wesentlich älter waren als ich heute. Ich sehe meine Geschwister und wie sie sich verändert haben. Unser ganzes Familienleben präsentiert sich mir in einer Sammlung von inszenierten und spontan eingefangenen Augenblicken. So entsteht anhand der Fotos eine Lebenserzählung, die wie jede Erzählung schon Interpretation ist, ein gewolltes Arrangement mit einer Autorschaft. Der Blick in die Vergangenheit wird auf ganz bestimmte Ereignisse gelenkt, die chronologisch präsentiert sind. Mit der Fotoauswahl werden Entscheidungen über den Stellenwert von Lebensereignissen getroffen: Was ist erinnernswert? Das scheinbar Wichtigste wird dokumentiert, der Rest bleibt zurück. Wer sammelt, entscheidet sich für das eine und gegen das andere. „Sammeln ist eine Schule des Wollens“, sagt der Philosoph Andreas Urs Sommer deshalb. Bei Sommers Überlegungen geht es zwar um das Sammeln von Objekten wie etwa Bierdeckeln oder Schmetterlingen, aber dennoch gibt es Gemeinsamkeiten mit den Fotoalben.

Vor der digitalen Fotografie musste man für seine Fotoalben eine Auswahl treffen und sich für bestimmte Erinnerungen entscheiden. Damals gab es pro Film allerdings nur ca. 25 Fotos. Heute ist die Menge an Aufnahmen nur durch den Speicherplatz und den Akku begrenzt. Wie die meisten Eltern mache ich fast jeden Tag Fotos und bekomme welche zugeschickt. Das Kinder-Bild wird also unter tausenden anderen auf meiner Festplatte in einer riesigen Sammlung gespeichert sein. Und entsprechend stark muss der Wille sein, will man die Fotos nicht nur ansammeln, sondern aktiv, d. h. ordnend und wertend, sammeln. Schon die Entscheidung, ob ein Foto geschossen werden soll oder nicht, ist zu schwer. „Modernitätstypisch ist das Unvermögen zur Willenskanalisation, weil es zu viel gibt, was man auch noch wollen könnte“, so Sommer. Da es ja möglich ist, wird also vorbeugend ein Foto gemacht.

Mit dem Kinderfoto versuche ich, den Moment zu konservieren und meine Erinnerung in eine Form zu gießen. Ich will mich an diesen Nachmittag als einen schönen erinnern können und ich will, dass auch meine Tochter davon wissen wird und vielleicht auch das andere Kind, das sie umarmt hat. Möglicherweise steht das Foto später für etwas Größeres, man wird ihre Liebenswürdigkeit und Zugewandtheit darin erkennen. Es ist mein Erinneungswahn, meine Angst vor der Vergänglichkeit. Als ob es nicht passiert wäre, wenn ich es nicht festhalte. Als ob ich schon während des Erlebens Angst vor meinem eigenen Vergessen hätte, weil ich den Augenblick gar nicht genießen kann. Ich denke, dass ich den Genuss des Augenblicks nachholen oder nachholbar machen muss, weil es möglich ist und weil es mir im Moment selbst nicht gelungen ist. Vielleicht hatte ich noch etwas anderes im Kopf und konnte mich nicht darauf einlassen. Vielleicht ahnte ich, dass die Kinder die Szene spielen, weil sie schon wissen, dass sie die Eltern entzücken wird („Guck mal, Mama!“), und habe mitgespielt, obwohl es mir eigentlich zu gestellt ist. Das Foto würde also zum Substitut für ein nervöses Nicht-Erleben-Können. Deshalb die zwanghafte Reflexhaftigkeit beim Griff zum Handy.

Die Logik des unbegrenzten Datensammelns überträgt sich auf die private der Erinnerung. Möglichst viel, möglichst vollständig, möglichst objektiv sammeln – das kann keine(r) allein schaffen. Apple hilft uns wie so oft bei Problemen, die wir selbst noch nicht als solche erkannt haben. Mein Iphone erinnert sich für mich: Wenn ich eine bestimmte Anzahl von Fotos gemacht habe, erstellt es ganz ohne mein Zutun und vor allem, ohne dass ich es gewollt hätte, nach topographischen und chronologischen Kriterien Rückblicke in Form von kleinen Alben. Das Handy sortiert meine Fotos durch GPS-Daten und Gesichtserkennung, wenn ich es ihm nicht verbiete. Sammelnd nimmt es mir Entscheidungen ab und kompensiert meinen Sammelzwang. Es erspart mir die Freiheit der Wahl.

Der Vergangenheitsrepräsentation durch Fotos steht die eigene Erinnerung in all ihrer Komplexität, Subjektivität, Vagheit und Wandelbarkeit gegenüber. Mit Wollen hat sie, wenn überhaupt, wohl eher unbewusst etwas zu tun. Sie kommt und geht scheinbar ohne unser Zutun. Die Vergangenheit ist ein lebendiges und unberechenbares Phänomen, das jederzeit erscheinen kann. Vielleicht können auch Fotos (wie die berühmte Madeleine bei Proust) Auslöser oder Verstärker von Erinnerung sein und für jemanden eine ganze vergangene Welt heraufbeschwören. Sie zeigen Details, die wiederum neue Erinnerungen triggern. Zum Beispiel das Foto vom ersten Schultag: Natürlich, so sah meine Sitznachbarin aus! Ihr Blick löst ein ganz bestimmtes Gefühl aus und der Anblick ihrer Cord-Latzhose lässt mich an die Nachmittage im Freien denken… Andererseits sind Fotos in ihrer Eindeutigkeit und ihrer zwingenden Beweiskraft (zumindest in Zeiten vor Photoshop) auch Dompteure der Erinnerung: Sie wirken korrigierend und (unter)ordnend. Der Klassenraum war natürlich nicht so groß, wie ich ihn in Erinnerung habe, sehe ich jetzt, und der furchteinflößende Klassensprecher sah gar nicht furchteinflößend aus, sondern wie ein niedlicher Junge. War ich gerade noch bei meinem sechsjährigen Ich und seinem Eintritt in die Schulwelt, wandert mein Blick jetzt schon zum nächsten Bild, das ganz andere Erfahrungswelten berührt. Die wild wuchernde Erinnerung wird durch gesammelte Fotos chronologisch und gewichtend gezähmt.

Ob die Foto-Vergangenheit oder die Erinnerungs-Vergangenheit „wahrer“ ist, sei dahingestellt. Ich bin dankbar für die Fotoalben, da der Abgleich mit der eigenen Erinnerung etwas Reizvolles hat, der objektivierende Wert der Fotos nicht zu unterschätzen sind und sie Zeugnis für vieles sind, an das ich mich sowieso nicht unmittelbar erinnern kann. Dennoch mache ich mir Sorgen um meine Erinnerung: Besteht durch die Fotos nicht die Gefahr, sie zu vereindeutigen und vielleicht sogar mit anderen Bildern zu überlagern? Messe ich ihr dadurch also nicht weniger Wert bei? Jede(r) kennt sicher das Phänomen einer indirekten, sozusagen einer Hyper-Erinnerung: Ich habe zum Beispiel keinen direkten Zugriff auf die Grundschul-Erinnerung, aber ich weiß dennoch vieles aus dieser Zeit, weil ich eine frühere Erinnerung behalten habe. Sie macht mir über die Vergangenheit die Vor-Vergangenheit zugänglich. Zu genau so einer Hyper-Erinnerung kann ein Foto werden – zu einem Substitut für die eigene Erinnerung. Wenn ich sie an mein Iphone auslagere, unterlegt es sie sogar noch mit einer rührseligen Musik.

Das Sammeln wird laut Sommer zuweilen als weltabgewandte Kompensationsleistung kritisiert. Vielleicht entspringt auch das Foto-AnSammeln einer Kontrollbesessenheit: Das Unbezähmbare, die Erinnerung, soll bezähmt werden. Wiederholbarkeit geht vor Einmaligkeit, Erinnerung vor Präsenz. Es mangelt an Vertrauen in die eigene Erinnerung und in ihren Wildwuchs. Dabei kann sie die Grenzen der Zeit auflösen und das Leben so vielfältig wahrnehmen lassen, wie es ist. Für die Erinnerung – und zwar die eigene – braucht es Mut. Damit will ich nicht sagen, dass man aufhören sollte, seine Kinder zu fotografieren. Nur, dass man sich der ewigen Foto-Potentialität des Smartphone nicht unterwerfen muss.

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