Der gesetzliche Auftrag

Die Tür des Sachbearbeiters ist auf – ein Zeichen der Offenheit, das man in den langen Gängen des Neuköllner Jobcenters selten anfindet. Ein junger, agiler Sachbearbeiter begrüßt mich ungewohnt freundlich. Er wirkt tatsächlich motiviert, fast etwas aufgedreht. Seine gute Laune entspannt mich nicht unbedingt.

Wie immer war die heutige Einladung mit der Androhung der Leistungskürzung verbunden. Die merkwürdige Mischung aus Service- und Kommandoton dieser Vorladungen überliest man nach einer Weile. Was dieses sprachliche Gebräu im Unbewussten anrichtet, kann ich nicht sagen.

Ich eröffne das Gespräch: Vielleicht könnten Sie mir zunächst mitteilen, warum ich heute zu ihnen eingeladen wurde? Sind Sie mein neuer oder ein zweiter Betreuer? Ich weiß leider nicht genau, warum Sie mich eingeladen haben.

Nein, er sei kein zweiter Betreuer, lässt er mich wissen, vielmehr sei er für Bewerbungen zuständig, seitens derer bereits eine besondere Nähe zwischen Jobcenter und den möglichen Arbeitgebern gegeben sei. Bewerbungen bei Arbeitgebern, die über das Jobcenter liefen, würden dort als besondere „Empfehlung“ gewertet.

Ich werde stutzig. Was für eine Art von Arbeitgebern sollte denn auf solche Empfehlungen des Jobcenters scharf sein?

Ich erläutere meinen fachlichen Hintergrund und lege dem Jobcenter-Mitarbeiter zwei beispielhafte Lebensläufe vor. Er wirft einen flüchtigen Blick über die Dokumente und antwortet mir nach einigen Sekunden: Er möchte „keinen falschen Anschein“ wecken, in diesem Bereich habe er „keine Angebote“ für mich.

Ich bin erstaunt, wie bereitwillig der Sachbearbeiter seine völlige Unzuständigkeit zugibt. Ohnehin gehe es hier um etwas anderes. Ich sei ja nun schon „seit gewisser Zeit zu Hause“, diese „Situation“ gelte es „kurzfristig zu beenden“. Hat er wirklich „zu Hause“ gesagt? Ja, alle Zitate in diesem Beitrag habe ich während des Gesprächs notiert.

In ruhigem und sachlichem, aber bestimmtem Ton erläutere ich meine Befürchtung, dass das Interesse seitens des Jobcenters lediglich darin bestehe, mich möglichst schnell loszuwerden. Dass man mich einer Tätigkeit zuzuführen gedenke, die nichts mit meinen fünf Jahren Studium und fünf Jahren Promotion zu tun hat. Ich sei jedoch nach wie vor hochmotiviert, meine umfangreichen Qualifikationen beruflich nutzen zu können, zumindest im weiteren Sinne, und verfolgte bereits eine breite Bewerbungsstrategie, die mir schon jetzt an der Grenze zur Beliebigkeit erscheine.

Er wolle mich „damit“ nicht überrumpeln, lässt mich der Sachbearbeiter wissen. Gleichwohl „müsse“ ich die Situation „von zwei Seiten“ betrachten.

Es ist nicht notwendig, mir gegenüber zwischen den Zeilen zu sprechen, antworte ich. Mein Gesprächspartner reagiert überrascht und erfreut auf meinen Hinweis. Aber was will er denn nun genau von mir? Konkrete Jobangebote legt er mir nicht vor; oder sieht von seinem Ansinnen bereits ab. Fast gewinne ich den Eindruck, er entwickle ein wenig Spaß an unserem recht offenen Gespräch. Welches Ziel verfolgt er mit seinem Gespräch?

Um es klar zu sagen, fährt er endlich fort, es ist „nicht von Nöten, dass sie hier sind“. Die Jobsuche müsse „weiter forciert werden“, von meiner Seite aus.

An diesem Punkt wird mir einmal mehr klar, wie wenig der Sachbearbeiter erkennen kann, dass ich weit mehr für meine Jobsuche und meine Qualifikation tue als ein paar Pflichtbewerbungen zu schreiben. Ich erläutere ihm meinen Arbeitslosenalltag mit Hilfe der Metapher des Eisbergs.

Der sichtbare Teil meiner Bemühungen, das ist nur die Spitze des Eisbergs. Dafür interessiert er sich sofort. Wie oft ich mich denn bewerben würde, fragt er nach. Acht Bewerbungen im Monat, antworte ich. Das sei ja schon recht viel. Gewiss, behaupte ich.

Der weit größere Teil meiner Bemühungen aber, fahre ich fort, sei für das Jobcenter unsichtbar. Ich bemerke, dass der Sachbearbeiter allmählich unruhig wird. Ich investierte nach wie vor sehr viel Zeit in meine akademische Weiterbildung, ich erkundete neue Forschungsfelder und erweiterte meinen Horizont. Auch hätten meine beiden (im Übrigen recht teuren, jeweils mehrere Monate dauernden, staatlich finanzierten) Coachings eine Bewerbungsstrategie ergeben, die auf eine Tätigkeit mit wissenschaftlichem Bezug im engeren oder weiteren Sinne abziele.

Mh. Er wolle ja das „Coaching nicht in Frage stellen“, aber zweifelt am Erfolg der Strategie. Ich stimme ihm bezüglich des empirisch messbaren Erfolgs zu. Aber wir sprachen von meinen Bemühungen und dem großen unsichtbaren Anteil meiner (im Übrigen kostenlosen) eigenmotivierten Fort- und Weiterbildung.

Dieser „Output“ sei aber „nicht messbar“, wendet er ein.

Ich könnte versuchen, es messbar zu machen, erwidere ich, hätte aber Zweifel, dass daran überhaupt ein Interesse bestehe.

Er wirkt nicht so, als interessiere er sich dafür. Vielmehr erläutert er mir nun, es verlaufe ein „schmaler Grat“ zwischen der Anerkennung meiner Leistung und meiner dauerhaften Arbeitslosigkeit. Ich verstehe nicht recht und erinnere mich dunkel an das Schrödersche „fordern und fördern“. War damit nicht ein Geben und Nehmen gemeint? Das kann er nicht im Kopf haben, wenn er Anerkennung meiner Bemühungen gegen dauerhafte Arbeitslosigkeit abwägt. Es macht nicht so viel Sinn. Aber egal.

Ich betone meine starke intrinsische Motivation und meine Zuversicht, eine Tätigkeit zu finden, in der meine zehnjährige Qualifkationsphase Geltung und Nutzen erhalte. Ich investierte enorm viel Zeit in die unsichtbaren Bemühungen und sähe hierzu auch keine echte Alternative.

Mein Strategie verlaufe aber „konträr zum gesetzlichen Auftrag“, antwortet der Sachbearbeiter. „Da komme ich nicht raus – und da kommen sie nicht raus.“

Ich äußere die starke Befürchtung, dass eine beliebige, qualifikationsfremde Tätigkeit mir nachhaltig jegliche Chance verbaut, eine Arbeit zu finden, die meinem Studium und meiner Promotion entspreche. Er versucht zu beschwichtigen. Es gehe ja auch nicht darum, von meinen Bemühungen abzulassen, vielmehr habe er große Anerkennung für meine Bemühungen, und das meine er auch durchaus ernst.

Ich merke, dass mein Gegenüber in Gesprächsführung geschult ist – oder talentiert – anders als seine Kollegen und Kolleginnen, die mir bislang untergekommen waren. Und anders als bislang hat er etwas Sympathisches an sich. Offenbar hält auch er sich für was Besondres: Er sei da nicht wie manch andere Mitarbeiter hier, denen es völlig am menschlichen Respekt mangele.

Unser kleiner Disput dreht sich schließlich zum die Zeitfrage. Eben in diesem Punkt widerspricht er mir am deutlichsten. Das Zeitargument könne er nicht gelten lassen. Ich argumentiere: Sollte ich eine Tätigkeit bekommen, die mit meiner Qualifikation nichts mehr zu tun hat, werde ich auch keine Zeit mehr finden, diese Qualifikation zu stärken und in diesem Bereich etwas zu finden. Darum bitte ich um Unterstützung meiner Bewerbungsbemühungen und äußere eindringlich meine Hoffnung, dass meine Bemühungen nicht torpediert würden.

Nichtsdestotrotz – das Zeitargument könne er nicht gelten lasse.

Der gesetzliche Auftrag, merke ich an, um das einmal auseinander zu halten, der erkennt das Zeitargument nicht an, richtig? Der Sachbearbeiter grinst ein wenig schelmisch und stimmt mir zu.

Seine privaten Ansichten haben hier nichts verloren, scheint er mit seinem Grinsen mitzuteilen. Aber sie scheinen durch. Das ist es, was die Jobcenter-Bürokratie um jeden Preis vermeiden will: ein Bündnis zwischen Arbeit()losen und Jobcenter-Angestellten.

Das Grinsen des Sachbearbeiters markiert diese wichtige Differenz zwischen dem Sachbearbeiter, der blind und automatisch im Auftrag handelt, und dem Sachbearbeiter als Mensch. Ich sehe in dem Aufscheinen dieser Differenz einen kleinen Erfolg des Gesprächs. Ich bin froh, dass wir zu diesem Punkt gekommen sind, auch wenn ich nicht weiß, ob mir das weiterhilft.

Meine Zeit ist längst abgelaufen, die nächste Kundin hat schon an die Tür geklopft. Unser Gespräch verlief freundlich, respektvoll und diskutierfreudig. Zumindest letzteres ist sicher nicht im Sinne der Jobcenter-Direktiven.

Gegen Ende des Gesprächs äußert der Sachbearbeiter mir gegenüber, es gebe ja nach wie vor einen „Ermessensspielraum“. Und er wolle meinem fachlichen Hintergrund und meiner Qualifikation ja auch gerecht werden. Gleichwohl lässt er wie nebenbei einfließen, wolle er nicht, „dass man hier von Kaste zu Kaste spricht“.

Ich stutze innerlich. In welcher „Kaste“ sind wir beide denn? Das Schreckgespenst der Nichtgleichbehandlung schwebt nun über dem Gespräch. Offenbar will er mir sagen, wir sollten hier keine Extrawürste für bestimmte Jobcenter-Kunden braten. Gleichwohl scheint er sich nicht sonderlich daran zu stören, von „Kasten“ zu sprechen. Mit dem gesetzlichen Auftrag ist so ein Denken wohl nicht vereinbar.

Es sei ihm wichtig, dass man für mich eine Beschäftigung finde, die „beidseitig getragen“ werden könne.

Diese Formulierung ist mir nicht zum ersten Mal begegnet. Zu unserem eigentlichen Termin hatte ich vor verschlossenen Türen gestanden und mich bei einem Kollegen nach dessen Verbleib erkundigt. Während der Kollege (erfolglos) versuchte herauszufinden, wo Herr Soundso zu finden sei, hatte ich Zeit, mich in dessen Büro umzusehen. Die Wand ist bespickt mit Plakaten und Notizen, welche die Gesprächsführung zwischen dem Jobcenter und seinen „Kunden“ betreffen. Auf einem der Zettel stand rot eingekreist: Freiwiligkeit und Kooperation.

Handelt es sich hierbei um ein rhetorisches Manöver? Versucht man in den Jobcentern mit einer freundlicheren Sprache mehr Erfolg bei der Jobvermittlung zu erreichen? Wie manipulativ, wie transparent wird diese Jobcenter-Sprache gebraucht?

Aus meinem eigenen Gespräch gehe ich mit gemischten Gefühlen. Was war geschehen? Hatte der Sachbearbeiter erst ein Drohgebäude des gesetzlichen Auftrags aufgebaut, um mich dann mit dem Ermessensspielraum wieder zu beruhigen? Wurde mein Anliegen verstanden? Oder wurde ich nur vertröstet? Ein Teil von mir möchte verstanden werden – dieses urmenschliche Bedürfnis spielt in jedem einzelnen Jobcenter-Gespräch eine Rolle, meist unsichtbar, doch nicht zu leugnen.

Ich lasse mir die letzten Worte des Sachbearbeiters erneut durch den Kopf gehen: Er könne da nur auf mein Verständnis bauen. Auf mein Verständnis?! Wer also ist es, der hier wem gegenüber Verständnis zeigen soll?

Und was geschieht, wenn ich kein Verständnis für eine qualifikations- und sachfremde Jobvermittlung habe? Was, wenn ich nicht mein Ein-Verständnis gebe? Was, wenn ich mich weigere, mein eigenes Urteil zu sprechen? Ich halte mich in eigener Sache für befangen.

Und mir fehlt Verständnis für die immanente Widersprüchlichkeit der Jobcenter-Bürokratie, für das Anzweifeln eigenes verordneter Coachings, für das Relativieren zehnjähriger Qualifikationen und für das Eingeständnis der eigenen Unzuständigkeit. Ich habe kein Verständnis dafür, dass man am laufenden Band Maßnahmen verordnet, damit wieder etwas in meiner Akte „passiert“. Ich habe kein Verständnis dafür, dass man meine Zeit vergeudet.

Es muss was passieren, lauteten die Worte meiner eigentlichen Sachbearbeiterin, es muss was passieren.  Es ist dieser Aktionismus, dem es nicht um das gesetzte Ziel (die Vermittlung von Arbeit) geht, sondern um die Erfüllung von Quoten und Statistiken, den ich nicht verstehe. Es ist dieser Aktionismus, der permanent in Widerspruch zum gesetzlichen Auftrag gerät, für den ich kein Verständnis habe.

Er werde eine Reflexion unseres Gesprächs an meine Sachbearbeiterin schicken, sagt mir der junge Mann zum Abschluss.

Als ich Wochen später zu meinem regulären Beratungstermin erscheine, erkenne ich unser Gespräch in den wenigen Gesprächsnotizen, die man mir sogar vorliest, kaum wieder. Es sind drei bis vier Sätze, in denen ich nicht sonderlich gut wegkomme, es klingt, als hätte ich Arbeitsangebote abgelehnt. Gleichwohl, ich habe nur Bedenken formuliert – ein Angebot hat man mir nicht vorgelegt.

Ich merke, wie das bürokratische Denken in mir Fuß gefasst hat. Kann man mich deswegen belangen? Nein, das nicht – aber nun habe ich einen Eintrag in irgendwelchen Dokumenten, von denen ich nicht weiß, was aus ihnen einmal werden wird, einen Eintrag, den jemand einmal mit der Überschrift „Querulant“ betiteln könnte, einen Eintrag, der mir noch schaden könnte.

Eines habe ich verstanden: Der gesetzliche Auftrag ist ein blinder Wille, aber er drängt und drängt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s