Lebe ich noch oder arbeite ich schon?

Es ist vier Uhr morgens. Draußen liegt die große Stadt im Dunkeln, warme Luft trägt vereinzelt Gesprächsfetzen von der Straße durchs offene Fenster zu mir in die Wohnung. Ich laufe im Nachthemd mit wiegenden Schritten auf und ab, meine kleine Tochter auf dem Arm, die nicht mehr in den Schlaf findet. Von der Wohnzimmertür bis zum Balkon und wieder zurück. Einmal, zweimal, dreimal, viermal… das Zählen lenkt mich von meiner eigenen Müdigkeit ab. Wenn sie eingeschlafen ist, reichen meist noch zehn Runden, bis ihr Schlaf fest genug ist, um sie wieder ins Bett legen zu können, ohne dass sie aufwacht. Unten auf der Straße streiten sich zwei Frauen vorm Späti, ein dritter versucht zu schlichten. Aus der immer offenen Kneipe gegenüber torkelt jemand und bestellt am Handy mit betrunken-lauter Stimme ein Taxi. Ich löse die Arme meiner Tochter von meiner Schulter, drehe ihren kleinen schlaffen Körper vorsichtig herum, lege sie im Bettchen ab und – es hat geklappt – sie schläft weiter. Ich war lange nicht mehr nachts in einer Kneipe. Ich bin 24 Stunden im Einsatz.

Ich lege mich neben meine Tochter. Es ist fünf Uhr. Bleierne Müdigkeit lässt meine Gedanken sofort abdriften und in diffuse Träume übergehen. Für mich ist es nach einem Tag wie dem gestrigen nicht schwer, in den Schlaf zu finden. Ich habe meine Tochter versorgt, mit allem, was dazugehört: Waschen, Singen, Wickeln, Anziehen, Kochen, Füttern, Spielplatz, Umziehen, Vorlesen, Balgen, Trösten, Kinderarzt, Kita-Suche. Mein Rücken schmerzt vom Tragen. Ich habe viel erledigt und viel ist liegengeblieben: die Wäschetrommel ist noch voll, der Küchenboden ist dreckig, zum Supermarkt habe ich es nicht mehr geschafft. In der Regel bin ich nicht allein mit meiner Tochter. Aber wenn wir allein sind, ist so ein Tag mit all den kleinen Arbeiten, die anfallen, richtig anstrengend.

Moment! „Einsatz“? „Arbeiten“? Will ich die wertvolle Zeit mit meinem Kind wirklich so bezeichnen? Also nicht nur die lästige Hausarbeit, sondern alles, was ich tue oder zusätzlich tue, seit mein Kind da ist? Das ist doch mein Leben und kein Job! Außerdem spricht mein Konto eine eigene Sprache: „Nicht bezahlt zu werden, heißt, nicht zu arbeiten“, sagt mein kluger Vorredner. Von offizieller Seite ist sowieso alles klar. Ich bekomme nicht nur kein Gehalt, sondern habe auch keinen Urlaubsanspruch, zahle keine Sozialabgaben und die Rente, na ja, an die denke ich lieber nicht. Auch die Umgangssprache legt den Finger darauf, dass ich eben nicht Tag für Tag in die weite Arbeitswelt ausziehe: Ich „bleibe zuhause“. Klingt nach angenehmem Rückzug, einem gemütlichen Sonntag, an dem man wegen schlechten Wetters die Wohnung hütet. Auch wenn meine Müdigkeit sich eher nach Bergsteigen anfühlt.

Arbeite ich nun oder nicht? Bei der Hinwendung der Mutter zum Kind von Arbeit zu sprechen, kommt vielen nicht leicht über die Lippen. Zu sehr ist der Begriff der Arbeit mit negativen Konnotationen wie Mühe, Zwang und Notwendigkeit verknüpft. Man scheint Angst zu haben, der zweite Bestandteil der noch jungen Wortschöpfung care-Arbeit könne auf den ersten, die Liebe und Sorge, negativ abfärben. Als würde das die heilige Mutterrolle bedrohen, als müsse das Mutterkümmern rein gehalten werden von dem, was es mit anderen, ganz gewöhnlichen Tätigkeiten gemein hat, da es idealerweise schließlich von Sorge und Liebe motiviert ist.

Wie verblendet ist das? Die Glorifizierung der Mutter schafft utopische Ansprüche. Letztlich kann man in keinem Bereich die Grenze zwischen Pflicht- und Selbsterfüllung scharf ziehen. Ohne das, was ich wie so viele mache, das Kümmern um andere, würde nicht nur meine Familie, sondern unsere ganze Gesellschaft nicht funktionieren. Mein Kind braucht mich, mein Freund könnte ohne mich nicht arbeiten gehen (soziologisch gesprochen diene ich der „Wiederherstellung der Arbeitskraft“). Der Begriff care-Arbeit erlaubt, über meine Tätigkeit zu sprechen, ohne ihr den emotionalen und persönlichen Wert abzuerkennen, würdigt sie aber gleichzeitig als Mühe.

Umgekehrt wird der Bereich der offiziell anerkannten Arbeit gerne mit emotionalem Vokabular aufgewertet. Da ist ein Unternehmen plötzlich wie eine Familie, gibt dir einen Job, der dich erfüllt, zu dir passt und dich – ja, glücklich macht. Du musst weniger arbeiten, als dich selbst verwirklichen, deinem Leben Sinn geben und deine Persönlichkeit entfalten, indem du jeden Tag Dienst leistest. Richtet sich bei der care-Arbeit die Fürsorge auf jemand anderen, sorgt der sich identifizierende Arbeitnehmer, so wird zumindest nicht selten suggeriert, sich um sich selbst. Er selbst wird zum Objekt des caring, so dass Mühen sich nicht mehr wie solche anfühlen (sollen). Hier können die ganz gewöhnlichen Tätigkeiten infiziert werden mit Sinn, um Mühe, Zwang und Notwendigkeit nicht in den Vordergrund treten zu lassen. Müsste diese Art der Verknüpfung von Leben und Arbeit nicht viel kritischer betrachtet werden als erstere?

Eine Familie zu versorgen, nicht im finanziellen, sondern im haushälterischen und organisatorischen Sinne, ist Arbeit, auch wenn sie nicht von privater Erfüllung zu trennen ist. Gerade in Zeiten, in denen der traditionelle Arbeitsbegriff infrage gestellt wird wie nie, sollten wir uns trauen, care-Arbeit auch konsequent als solche zu bezeichnen. Sonst wird sie nie anerkannt und politisch sichtbar. Wie das mit der „Rückkehr“ zur „richtigen“ Arbeit nach der ersten Kümmerphase läuft, hängt auch davon ab.

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