Mein Hartz-IV-Stipendium – eine Apologie

Eigentlich müsste ich gerade etwas anderes tun: Bewerbungen schreiben. Stattdessen bastle ich an meiner Verteidigungsstrategie. Statt mich aus der Komfortzone herauszubewegen, mache ich es mir auf der Küchenbank gemütlich. Die Bank ist sogar gepolstert. Es geht mir ganz gut. Schon das macht mich verdächtig.

Ob ich es nicht überdrüssig geworden bin, mich zu erklären, zu rechtfertigen, mich zu repräsentieren und zu phantasieren? Doch, manchmal schon. Da gibt es Tage, an denen mir meine eigene, ausgedachte Geschichte nicht so gut gefällt, Tage, an denen ich mir kein Wort glaube. Tage, an denen ich mich selbst reden höre und frage, wer da eigentlich redet – und wer da eigentlich zuhört. Tage, an denen ich andre für mich reden höre und es nicht mal mehr zur Kenntnis nehme. Tage, an denen sie mich verteidigen, Tage, an denen ihre Verteidigungen in meinen Ohren wie Angriffe klingen.

Und es gibt Tage, an denen meine Verteidigungen wie Angriffe klingen, Tage, an denen andere aus ihren Komfortzonen gejagt werden durch die bloße Existenz eines halbwegs zufriedenen Arbeit()losen.

Nichts fordert meine Verteidigungskünste so sehr wie die Unzufriedenheit der anderen – das jedenfalls sage ich mir. Gleich nach der Unzufriedenheit rangiert die Sorge der anderen. Auch diese mobilisiert mich, auch diese fordert mich zur Rede auf.

Meine Verteidigungskunst basiert zuerst einmal auf der Methode des Zugeständnisses. Sich verteidigen bedeutet auch dann, wenn die Verteidigung erfolgreich ist, etwas zuzugestehen. Die Kunst der Verteidigung ist die Kunst des Abgebens. Selbstverteidigung hat nichts mit Samaritertum zu tun, es ist zuerst und zunächst Selbstnutz. Und nicht selten zähle ich später die Scheine aus Papiergeld durch, um herauszukriegen, ob ich mir diesen Nutzen vielleicht nur eingebildet habe.

Gewiss, ich mache mich nützlich. Natürlich unbezahlt! Jenseits der Welt der Arbeit gibt man das Geld nicht gerne aus. Weil Arbeit bezahlt wird, bezahlen wir auch nur das, was wir für Arbeit halten und nicht das, was Arbeit macht. Weniges ist so wirkmächtig wie eine Schein-Tautologie.

Keine Arbeit zu haben, heißt, nicht bezahlt zu werden. Nicht bezahlt zu werden, heißt, nicht zu arbeiten. Manchen ist nicht einmal klar, dass sie es hierbei eben nicht mit einer Tautologie zu tun haben.

Verwirrung stifte ich, wenn ich mich verteidige. Verwirrung stifte ich aber auch, wenn ich mich nicht verteidige. Nichts an dieser Verwirrung ist heroisch. Wenn ich mich gehen lasse, wird aus der Verwirrung etwas Heldenhaftes. Eigentlich aber ist es einfach nur Verwirrung, in die ich immer wieder aufsteige, um dort verwirrt zu verweilen. Ich kann gut verstehen, dass man sich nicht so gerne darauf einlässt. Ich könnt‘ es mir vielleicht viel leichter machen.

Ich beziehe also ein Stipendium. So? Und was fange ich damit an? Reicht es zur Existenzsicherung, reicht es zur gesellschaftlichen Teilhabe? Ich will mich nicht in juristische Gefahr bringen, also sage ich mal lieber: Ja, es reicht zur Existenzsicherung. Ich brauche keinerlei Unterstützung von Dritten, die fette Kohle vom Staat reicht, damit es mir im Winter warm wird und mir das Restessen vom Vortrag im Sommer kalt bleibt.

Tatsächlich, es geht mir wirklich gut. Ich gehöre wohl zu den Privilegierten unter den Hartz-IV-Empfängern; das sage ich jedenfalls immer, wenn ich zu einer meiner Apologien anhebe. Vielleicht ist das nur so ein rhetorischer Trick: Wind aus dem Segel nehmen, darum geht es mir dabei. Wovor habe ich denn Angst? Ich rede doch mit Freunden, Bekannten und Verwandten, nicht mit mir übel gesonnenen Fremden, die nur darauf warten, ihre Vorurteile bestätigt zu sehen!

Angst habe ich davor, dass mein Klarkommen der Sozialpolitik dieses Landes ein gutes Zeugnis ausstellt. Denn das Existenzminimum ist zu niedrig berechnet, die entsprechenden Zahlen werden bekanntlich solange frisiert, bis sie passen, und die einzelnen Posten in der sog. Grundsicherung haben allenfalls kafkaesken Unterhaltungswert. Darum betone ich, dass keinesfalls alle mit Hartz IV klarkommen.

Angst habe ich aber auch davor, dass meine Lage Verdachtsmomente weckt. Wieso kommt er klar, wieso hat er keinen Druck? Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, in dieser Situation derart lange gut klarzukommen. Manchmal spricht ein wenig Bewunderung aus ihren Reaktionen, manchmal aber auch das blanke Entsetzen. Offenkundig gehöre ich doch gar nicht da hin. Was habe ich bei den Assis verloren? Irgendetwas kann nicht mit rechten Dingen zugehen.

Darum also versuche ich Wind aus den Segeln zu nehmen, indem ich meine privilegierte Position betone. Sie markiert einerseits, dass nur wenige längere Zeit Arbeit()lose in einer mir vergleichbaren Position sind, andererseits, dass es nicht mein Verdienst ist, dass ich in dieser Position klarkomme. Ich manövriere mich somit, weniger gewollt denn in bekenntnispolitischer Zwickmühle, in eine merkwürdige Position der privilegierten Benachteiligung, einer Position selbst verschuldeten Mangels und fremd verschuldeten Gelingens. Es gibt wohl leichtere Antworten auf die Frage: Und, was machst du so?

Für die Small-Talk-Frage bleibt mir darum die Wahl zwischen einer unterhaltsamen kleinen Apologie, betretenem Gestammel oder gar nichtssagendem Schweigen. Je nach Laune wähle ich das erste, das zweite oder dritte Türchen; genauer gesagt, je nach Energielevel bin ich zur lustigen Apologie fähig oder verhaspele mich in dem Versuch, meinem Gegenüber kein doofes Gefühl zu bereiten. Denn darum geht es bei der Apologie natürlich auch.

Keine Arbeit zu haben, das ist ein Makel, ein Problem. Und wer will auf die Small-Talk-Frage schon mit einem Problem konfrontiert werden? Andere mögen eine miese Phase bei der Arbeit haben, oder sie mögen noch gar nicht in der Welt der Arbeit angekommen sein. Aber immer wieder auf eine der ersten Kennenlernfragen mit einer Art Outing antworten zu müssen, das geht auch an den Privilegiertesten nicht spurlos vorüber.

Habe ich also doch Grund zu klagen? Habe ich also doch Grund, aus der Verteidigungshaltung zu kommen? Aber ich glaube nicht daran, dass mir die Klagehaltung etwas brächte. Auf Mitleid kann ich, privilegiert wie ich bin, ebenso verzichten, wie auf gut gemeinte Ratschläge. Ich bin mein eigener Experte, mein eigener Unterhaltungschef und mein eigener Kunde. L’État c’est moi!

Manche meinen glatt, ich bekäme ein Grundeinkommen. Manche machen Vergleiche mit anderen Teilen der Welt auf, in denen es weniger oder keinen Sozialstaat gibt. Manche fragen, warum sie es nicht auch so gut haben könnten wie ich. Manche beneiden mich um die freie Zeit. Und manche fragen kritisch nach, ob ich mir überhaupt Mühe gebe, Arbeit zu finden – oder ich nicht vielleicht zu hohe Ansprüche hätte – oder ich nicht vielleicht mal andere Bewerbungen und an andere Arbeitgeber schreiben müsste? Sollte sich bei mir angesichts dieser Fragen ein Groll eingenistet haben, dann funktionieren die Repressionsmechanismen bei mir recht gut. So betrachtet ist meine Lage vielleicht doch nicht so gut, wie ich meinen Nächsten gerne weismache.

Aber wenn ich mit meiner Situation nicht zufrieden wäre – dann fände ich doch bestimmt bald eine Arbeit! Mehr als einmal funkelten die Augen meiner Gesprächspartner*innen, wenn sie sich so äußerten. Sie wollten mir vielleicht Mut  machen, oder sich, oder ihr Bild von der Gesellschaft retten. Und es wäre ja wirklich toll, wie gut ich mit der ganzen Sache klar käme! Ja, fast ein wenig bewundernswert. Dankbar nehme ich an, was ich annehmen kann.

Ich möchte nicht undankbar erscheinen, und nicht Mitleid erregend, nicht bedürftig und nicht bedürfnislos, nicht überheblich und nicht unterwürfig, nicht frustriert und auch nicht arrangiert. Denn egal welche Position ich auch wählen mag, etwas an dieser Haltung bleibt immer merkwürdig, schwer einzuordnen, verdächtig und beunruhigend, widersprüchlich und etwas zu glatt.

Das schlimmste, was ich mir vorstellen kann: nicht mehr den Eindruck zu hinterlassen, ich wisse, was ich tue. Aber weiß ich es? Nein, ich habe keinen Masterplan. Wer hat den schon? Naja, die meisten Leute haben schon einen Plan. Und da fängt es doch schon an: Unversehens kann ein Zugeständnis an die Logik der Arbeit und des Verdienstes dazu führen, dass meine Position noch ein bisschen fragwürdiger erscheint, noch ein bisschen selbst verschuldeter und noch ein bisschen vergorener.

Der bekennende Anarchist, der himmelstürmende Schwärmer, der sozialdemokratische Beamte, die begabte Nachwuchswissenschaftlerin, was sie alle doch eint: sie könnten das nicht, sie wollten das nicht, sie brauchen das nicht, sie müssen das nicht.

Ja, meine Apologie ist längst keine Apologie mehr. Und was mache ich nun eigentlich mit meinem Hartz-IV-Stipendium? Ich habe immer noch keine Hochglanzbroschüre gedruckt, in der man mir dabei zusehen kann, wie ich die Staatsknete zu klugen Gedanken, neuen Kompetenzen oder wenigstens erfolgsgarantierenden Bewerbungen geformt habe; stattdessen lasse ich mich gerade einfach nur gehen.

Es ist ein mir unvertrauter Zustand, in den mich diese Apologie geführt hat, ein unangenehmer Zustand, überhaupt hat meine Laune gerade viel zu viel von einem Zustand. Der Ehrgeiz, der Wunsch nach Anerkennung, gar nach Einzigartigkeit sind ebenso wenig aus mir gewichen wie mein Gemeinsinn. Und sie schreiben kräftig mit an der Geschichte, die ich anderen von mir erzähle, an der Geschichte, die ich auch mir selbst erzähle und von der ich hoffe, dass jemand sich dafür interessiert. Am Ende des Tages falle ich genauso müde ins Bett wie alle andern. Und zum Glück denke ich nicht darüber nach, wie viele hart arbeitende, schlecht bezahlte Menschen mir das von Herzen glauben können – und ob ich es selbst glauben kann.

Ich bin ein Apologet, ob ich will oder nicht. Ich muss ein Verteidigungskünstler sein, ein Illusionskünstler auch. Und ich bin alles andre als allein.

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