Unvereinbar gleichzeitig

Simone de Beauvoir, 1908-1986. Der Name, dann eine Zeitspanne: Zwei Jahreszahlen klammern im Rückblick das Leben eines Menschen. Anfang und Ende. Was dazwischen lag, muss der kleine Bindestrich tragen: Auf ihm lastet alles, was die Person erlebt hat und ausmacht, vom Weltkrieg bis zum ersten Kuss.

Catull, floruit ca. 60 v.C. Der Name, dann die „Blütezeit“ des Menschen. Das Jahr gibt die Zeit an, zu der Catull ungefähr 40 Jahre alt war – und damit für antike Geschichtsschreiber den Höhepunkt seines Werdens und Schaffens erreicht hat (auch „akme“). Das floruit diente als ungefähre Angabe, wenn man die genauen Lebensdaten nicht wusste. Es zeigt aber auch, wie man einen Menschen zeitlich einordnete: Nicht Anfang und Ende des Lebens sind wichtig, sondern Mitte und Höhepunkt. Des Menschen Lebenszeit ist hier nicht eine Spanne, er ist eine Blume, die wächst, aufblüht und verwelkt. Ihre Entfaltung soll in Erinnerung bleiben.

Es scheint einen Punkt im Leben des berufstätigen Menschen zu geben, an dem er die Weichen für sein Restleben gestellt haben sollte. Als magische Marke des Erwachsenenalters gilt der 30. Geburtstag. Die 30 markiert eine gefühlte Schwelle: von der Spielwiese der 20er in die geordneten Verhältnisse danach. Die Wege, die man seit der Schule eingeschlagen hat, sollen nun zu irgendetwas führen. Deshalb dient der 30. Geburtstag auch klischeemäßig der Rückschau: Man führt Bilanz und neigt sogar zu depressiven Gedanken. Was macht die Familienplanung? Wo soll es beruflich „hingehen“?

Erst Mitte oder Ende 30 eine Karriere zu beginnen, ist ungewöhnlich und eher schwierig. Arbeitgeber wollen Berufserfahrung und junge, ungebundene, unverbrauchte Menschen – gerade eine längere Pause der Arbeitslosigkeit scheint suspekt und lässt an der gewünschten Hingabe zweifeln. Die meisten Förderprogramme haben eine Altersgrenze. Selbst Berufungsverfahren werden nur bis zu einem gewissen Alter eingeleitet. Die Zahlenfixierung spitzt das Problem der so vielbeschworenen Vereinbarkeit von Familie und Beruf gerade für Frauen zu, besonders wenn sie ihre eigenen Kinder länger als ein paar Monate selbst betreuen wollen – was oft um die 30 stattfindet.

Wehe, wenn man einmal den Zug der Erfolgreichen ohne einen abgefahren ist. Die Karriere darf nicht stocken! Die Elternpause scheint eine peinliche Lücke zu sein. Noch immer ist es allzu heikel, im eigenen Lebenslauf die Kindern zu erwähnen. Für sie gibt es keine Sprache in der Berufswelt – Hauptsache, sie beeinträchtigen das arbeitende Ich nicht (es sei denn,sie fördern sein „Organisationstalent“, s. meinen Eintrag „Self-Empowerment mit Staubsauger“). Die Pause lässt sich mindestens mit parallelen Aktivitäten oder Weiterbildungen kaschieren. Ursula von der Leyen macht es vor: Sie begleitete ihren Mann in einer Babypause nach Stanford. So konnte sie die peinliche berufliche Lücke eben „Aufenthalt in Stanford“ nennen (FAS 15.4.2007). Auf keinen Fall darf es im erfolgreichen Curriculum ein Nacheinander geben, sondern alles soll bitte gleichzeitig vereinbart werden.

Wie absurd diese Eile und das Wegreden von Lebenszeit mit anderen als beruflichen Zielen ist, rechnet Martina Lenzen -Schulte im Artikel „Da hab ich was Eigenes“ (FAZ, 23.05.18) vor: „Von 1993 bis 2014 ist die Lebenserwartung weltweit um sechs Jahre gestiegen, eine Frau wird hier durchschnittlich 89 Jahre alt.“ Man lebt und arbeitet heute sechs Jahre länger als früher, dennoch darf man sich besonders als Frau keine Zeit lassen. Sechs Jahre, das wäre die Zeit bis zur Einschulung. Dennoch sind Kinderpausen um die Dreißig schwierig – sowohl für Frauen als auch für Männer. Wie auch immer man zur Frühbetreuung steht, eine wirkliche Vereinbarkeit gibt es nicht für die, die zuhause bleiben wollen – dabei ist das auf lange Sicht lächerlich.

Warum sollte eine Frau oder ein Mann mit Mitte 30 oder 40 weniger leistungsfähig sein? Kann sie dann nicht mehr dazulernen – oder glaubt man tatsächlich, sie hätte all ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zwischen Windeln und Brei verloren?

Wir sollten weniger linear denken und in Ruhe aufblühen dürfen. Ob mit 30, 40 oder 80.

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