Isle of Women

Die Arbeitslosigkeit katapultiert einen, wie wir in den letzten zwei Beiträgen gelesen haben, geradewegs ins diskursive Nichts. Sie ist ein Un-Ort des Nicht-Mehr, Dazwischen und Hoffentlich-Bald, nur zum Übergang und nicht zum Verweilen und schon gar nicht zum Ausruhen gedacht. Ist man dort, spürt man sofort, man sollte nicht dort sein und bitte schnell weitergehen. Von außen wird die Arbeitslosigkeit auch wie ein Unfall aufgenommen: Ein Unglück, das über einen hereingebrochen ist, bei dem es sich für Vorbeigehende nicht ziemt, allzu genau hinzusehen, und das schnell bewältigt werden sollte. Mögliche Reaktionen sind Mitleid oder Empörung über die mangelnde Vorsicht.

Innerhalb dieses Un-Ortes der Arbeitslosigkeit gibt es allerdings einen geschützten, fast heiligen Raum, eine Insel. Auch sie ist nur temporär bewohnbar, richtet man sich nach den gängigen Arbeits-Imperativen. Nur Frauen dürfen sie betreten. Sie ist ganz in rosa und hellblau gehalten, unpolitisch, meistens schön und rührend. Diese Isle of Women gehört den frischgebackenen Müttern. Hat man gerade ein Kind bekommen, ist es in den Augen der Allgemeinheit absolut legitim, für mehrere Monate oder vielleicht sogar Jahre aus dem Berufsleben auszusteigen.

Als arbeitslose „Mami“ weile auch ich vorübergehend auf dieser Insel. In Vorbereitungs- und Rückbildungskursen, auf dem Spielplatz und in Krabbelgruppen traf ich und treffe ich andere Frauen mit ihren Kindern. Zumindest in den ersten Wochen nach der Geburt fragt man in den Kursen seine Nachbarin beim Kennenlernen nicht das obligatorische „Was machst du?“, denn was sie gerade macht, ist sowieso klar: Sie kümmert sich. Wir teilen eine absolut existenzielle Lebenserfahrung, die uns körperlich und emotional völlig einnimmt. Für eine Weile treten unsere Arbeits(los)identitäten deshalb in den Hintergrund. Alle sind von ihrer neuen Aufgabe, dem Kind, eingenommen. Die wenigsten fangen nach dem Wochenbett direkt wieder in ihrem alten Job an, sondern widmen sich erst einmal der Haushalts- und Erziehungs„arbeit“. Es ist eine Art Pause von der Arbeitswelt und der Arbeitsidentität für die einen, ein Aufschub derselben für die anderen.

Die ersten drei Monate, ist Konsens, kann der Mann sowieso noch nicht besonders viel ausrichten. Mutter und Kind dagegen leben, vor allem wenn sie stillen, in absoluter Symbiose. In der neuen Lebenssituation sind ganz bestimmte Fähigkeiten gefragt: Fürsorge, Zugewandtheit, Umsichtigkeit, Aufopferungsbereitschaft und Informiertheit.

Die Mutter-Kind-Beziehung ist vor allem von Liebe geprägt und sollte sich selbst genügen, mag man denken. Hält man sich länger in Mütter-Kreisen auf – man muss vielleicht noch nicht einmal Blogs und Ratgeber lesen – fällt aber schnell auf, dass unsere Insel nicht ganz so unberührt ist wie gedacht. Das Außen und das Ich im Blick der anderen sind wieder einmal ziemlich wichtig, und kapitalistische Parameter schleichen sich natürlich auch hier ein. Die genannten Mütter-Fähigkeiten lassen sich nämlich optimieren. Auch in der Baby-Blase gibt es einen Leistungsdruck, der dem in der Arbeitswelt nicht immer unähnlich ist. Die „Mami“ wollte diesen erst einmal unschuldig scheinenden Lebensbereich eigentlich völlig frei von neoliberalem Denken halten, aber es wird ihr nicht ganz gelingen. Wie Antonia Baum in ihrem empfehlenswerten Buch „Stillleben“ schreibt: „Ein Kind bedeutet auch den Wettlauf um das gute, das bessere Leben.“ Und man kann nur verlieren: Es gibt immer die noch besser Informierten und besser Vorbereiteten und gut Ausgestatteten, die sich schneller entwickelnden Babys und auch wenn es Unbeteiligten absurd scheinen mag, will jede, dass ihr Kind im Vergleich gut abschneidet und zwar nicht nur, damit es ihm gut geht, sondern auch, damit sie die Bestätigung hat, ihren „Job“ als Mutter gut gemacht zu haben.

Es ist immer etwas schwierig, über solche Dinge zu reden, weil sie normalerweise nicht ausgesprochen werden. Es mag sein, dass nur ich die Unsicherheit und den Konkurrenzdruck unter Müttern spüre, die vergleichenden Blicke. Natürlich ist es auch nur ein Teilaspekt, so wie es der Tribut an die Erwartungen der anderen und der Strukturen bei allem ist, was wir tun, auch und besonders im Privaten. Ich denke aber, es geht den meisten Müttern so (und Baum bestärkt mich darin).

Hier gibt es ähnlich wie in der Arbeitswelt den Imperativ, was ich tue, soll ich gerne machen, es sollte mir entsprechen und es sollte leicht von der Hand gehen, dabei aber super Ergebnisse erzielen. In der Mütterwelt heißt das, der Umgang mit dem Kind sollte möglichst natürlich sein, und wenn ich nur die richtige Herangehensweise habe, wird das Kind sie annehmen. Die Regel Nummer eins lautet nämlich: Wie es dir geht, so geht es deinem Baby! Gefühle übertragen sich unmittelbar. Stillen sollte man zum Beispiel genau so lange, „wie es sich für beide gut anfühlt“. Es gibt keinen idealen Zeitpunkt, sondern jede muss ihn selbst finden:

„Mütter sollten ihrem Gefühl vertrauen, sich nicht verunsichern lassen und sich erst dann zum Abstillen entscheiden, wenn es für sie und ihr Kind in Ordnung ist.“ (9monate.de)

„Wichtig ist, dass Du dabei allein auf Dich und Dein Gefühl hörst und nicht darauf, was andere sagen.“ (eltern.de)

Es gibt jedoch zumindest in einem bestimmten Milieu, so etwas wie einen verborgenen Konsens. Wer am längsten durchhält und am aufopferungsvollsten ist, macht es am besten:

Auf stilllexikon.de heißt es etwa, Mütter handelten „intuitiv richtig, indem sie sich rund um die Uhr feinfühlig um die Bedürfnisse ihres Kindes kümmern“. (…) „Ich begrüße es sehr, wenn Kinder möglichst lange (auch nachts) gestillt werden. (…) Nicht jede Mutter verfügt jedoch über dieselben Ressourcen.“

„Die Mütter erleben selbst direkt mit, wie gut das Stillen ihrem Kind tut (…). Sie möchten dieses Bedürfnis ihres Kinds weiter befriedigen und es nicht unnatürlich (d.h. mit Druck oder Gewalt) abstillen, indem sie ihm so etwas Gutes vorenthalten.“ (stillkinder.de über besonders lange stillende Mütter)

Es mag stimmen, dass längeres Stillen besser für das Kind ist. Leicht und selbstverständlich ist aber meistens gar nichts an dieser Erfahrung, die alles umwälzt, was bisher da war, weder für die Mutter noch für das Kind. Das Umwälzende ist vielleicht sogar das Schöne daran.

Erst nach ein paar Wochen, wenn das allergrößte Staunen vorbei ist und sich der Blick wieder in die Zukunft richten kann, kommt unter den Inselbewohnerinnen das Thema Arbeit auf. Jetzt drehen sich die Gespräche zunächst darum, wie es gerade ist „zuhause zu bleiben“. Es ist schwierig zu sagen, dass es nichts für einen ist, denn das würde sich ja anhören, als hätte man die Zeit mit dem Baby nicht genossen. Dabei ist es natürlich manchmal langweilig, was nicht an dem Baby liegt. Und bei vielen ändern sich wirklich die Bedürfnisse. Es geht nicht ums „zuhause bleiben“, wer hat schon Lust auf Haus-Arbeit, aber es geht um Zeit mit dem Kind und dass es nicht Teil eines stressigen Tagesplans wird, bei dem man das Gefühl hat, keiner Seite, weder dem Job noch der Familie, je Genüge tun zu können. Die meisten starten mit gemischten Gefühlen wieder in ihren Alltag – aber die (Un)vereinbarkeit, das ist nochmal ein Thema für sich.

Die Orte für Mütter und Kinder bringen Leute zusammen, die sich ohne Kinder wahrscheinlich nicht kennenlernen würden. Klar, dass sie im selben Viertel wohnen und sich denselben Kurs oder Treffpunkt ausgesucht haben, birgt für einen ähnlichen sozialen Hintergrund. Dennoch bietet die Insel die Chance, die vielbeschworene Filterblase ein kleines bisschen zu erweitern. Ein Standard-Vorwurf an junge Mütter ist ja, sie hätten plötzlich nichts anderes mehr als ihre Kinder im Kopf, die natürlich jetzt auch einen Großteil des Lebens einnehmen. Es ist aber auch so, dass die Kinder neue Perspektiven bieten. Die Zeit nach der Geburt ist eigentlich eine wunderbare Gelegenheit, seine Erfahrungen mit Menschen zu teilen, mit denen man sonst weniger zu tun hat. Nicht selten war ich überrascht, wenn erst nach Wochen hörte, mein Gegenüber ist Sommelier oder Architektin oder Versicherungsvertreterin – oder arbeitslos. Eine gute Gelegenheit, über den eigenen Tellerrand und hinter die Arbeitsidentitäten zu schauen.

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