Self-Empowerment mit Staubsauger

Kann sich jemand noch an diese damals als überaus genial empfundene Werbung aus den Neunzigern erinnern? Eine junge Frau in feiner Abendgesellschaft, in einem Kreis von Männern. Sie fühlt sich offensichtlich sehr unsicher. Plötzlich richtet jemand das Wort an sie, o Schreck! „Und was machen Sie beruflich?“, fragt man sie. Um sie herum scheint alles still zu stehen. Alle hören zu. Auf ihre Antwort kommt jetzt alles an. Wird sie in dem Kreis der Wichtigen, Weltgewandten, öffentlich und politisch relevanten Menschen bestehen können? Sie als – denn mehr ist sie in Wirklichkeit ja nicht – eine einfache Mutter, die nur im Privaten und hinter verschlossenen Türen wirkt? Wir Zuschauer können sehen, was in ihrem Kopf vorgeht. Ein normaler Tag zieht an ihrem inneren Auge vorbei: Kochen, putzen, die Kinder versorgen, alles am Laufen halten durch tausend verschiedene kleine und große Tätigkeiten, dabei den Überblick bewahren und jedem gerecht werden. Und natürlich ganz viel „emotional work“: Wunden Pusten, Köpfe Streicheln, die gespitzten Lippen des Ehemanns zum Abschied küssen. Sie könnte jetzt antworten: „Ich bin Hausfrau“. Darauf würde sie den Rest des Abends lieber niemand mehr ansprechen. Aber diese Frau, von der wir schon auf den ersten Blick ahnten, dass sie smart ist, fasst ihre tägliche Beschäftigung ganz anders zusammen: „Ich leite sehr erfolgreich ein kleines Familienunternehmen.“ Anerkennende bis neidische Blicke – sie hat den ersten sozialen check-up bestanden und wird auch im Folgenden noch mitreden dürfen. Geschafft! In your face! DIe Hintergrundmusik ist fröhlich-triumphierend. Und die Hausfrauen vor den Fernsehern jubeln – genau, auch wir leisten ja was, wir hätten es fast vergessen, man muss es nur in ökonomisch relevante Worte kleiden! Sollen die Männer mal sehen! Geworben wurde übrigens für einen Staubsauger.

Die Frau hat natürlich recht. Eine Familie und einen Haushalt zu organisieren fordert ähnliche Fähigkeiten, wie man sie im Berufsleben braucht. Organisiertheit, Verantwortungsbewusstsein, Flexibilität, übermäßiger Arbeitseinsatz, Nehmer-Qualitäten.. Aber hier geht es um viel mehr als ums Geld Verdienen: Dass sie ihren Job „sehr erfolgreich“ macht, heißt, dass in ihrer Familie alles in Ordnung ist, die Kinder eine glückliche, wohlversorgte Kindheit haben, das Love-Life mit dem Ehemann läuft und man viel Spaß zusammen hat (in der Werbung sieht man, wie abends die ganze Familie glücklich zusammen aufs Sofa fällt). Die moderne Mutter hat alles im Griff und macht alle glücklich, woraus sie selbst natürlich wiederum ihr Quäntchen Glück beziehen sollte.

Inzwischen ist es selbstverständlich, dass auch Mütter arbeiten – ich meine außerhalb des Hauses, für Geld. Dafür gibt es viele gute Gründe, auch wenn die Babypause meistens einen Karriereknick bedeutet. Um diese Mütter/Arbeitnehmerinnen zu vermarkten, gibt es einen rhetorischen Kniff, der Idee der Staubsauger-Werbung entsprechend: Die special skills der Mütter werden einfach für den Arbeitsmarkt angepriesen. Nicht selten versucht man dabei entschuldigend davon abzulenken, dass sie eine Doppelbelastung haben und deshalb dem Arbeitgeber unter Umständen nicht 24/7 zur Verfügung stehen können.

Auf einer Online-Plattform, die Berufe für Mütter vermitteln will, heißt es etwa:

Wer Beruf und Familie aktiv kombinieren möchte, arbeitet aus Leidenschaft. Moderne Unternehmen haben diese Talente für sich erkannt und verbinden viel mehr als nur die Assoziation „Teilzeit“ mit engagierten Müttern. „Frauen mit Familie“, wie wir sie daher gerne nennen, haben in aller Regel ein hohes Verantwortungsbewusstsein, arbeiten konzentriert und ergebnisorientiert. Dass sie sich gut organisieren können, ist bekannt. Übrigens…viele Mütter wollen auch Vollzeit arbeiten!“

Die Mutter erweitert also ihr Betätigungsfeld nur, wenn sie „arbeiten geht“. Sie kümmert und sorgt sich nun doppelt. Um ihre Kinder und ihr Unternehmen, das neue Baby. Der volle Einsatz ist garantiert, schließlich will sie sich an keiner Stelle Versagen vorwerfen lassen. Es ist ein Wettlauf gegen Ansprüche von allen Seiten, gegen das eigene Verantwortungsgefühl und das schlechte Gewissen. Aber Multitasking, das weiß schließlich jede(r), können Frauen.

Hooks hat festgestellt, wir hätten es immer noch mit einer Zweiteilung der Arbeits- und der Nichtarbeitswelt entlang unserer Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit zu tun: „Emotionale Tätigkeiten finden in der Nichtarbeitswelt statt, haben am Arbeitsplatz aber relativ wenig verloren.“ Wir müssen nur aufpassen, dass wir unsere Emotionen nicht von der Arbeit bestimmen lassen.

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